"Ich bin verzweifelter ..."
Das erschütternde Zeugnis einer Alleingelassenen
Der folgende Brief erreichte die Redaktion vor wenigen Wochen. Es sind die Zeilen einer Frau, die sich an Frauen richtet und sie warnt: Wählt auch bei einer ungewollten Schwangerschaft nicht den vermeintlich leichteren Ausweg. Der kurze Brief ist zugleich das erschütterndes Zeugnis einer Frau, die in ihrer Not alleingelassen wurde und wird. Wir veröffentlichen ihn auf ausdrücklichen Wunsch der Absenderin, die anonym bleiben wollte. Wir sind überzeugt, dass er dazu beitragen wird, Frauen und Männern die Augen zu öffnen:
"Heute bin ich noch verzweifelter, dass ich es getan habe! Vor kurzem hörte ich von Ihrer Organisation und habe beschlossen, Ihnen den folgenden Brief zu schreiben.
Es ist über 20 Jahre her, da wurde ich ungewollt schwanger. Ich war nicht verheiratet, in einer sehr schwierigen Situation und entsprechend verzweifelt. Ich habe mir die Entscheidung wirklich nicht leicht gemacht, bin aber den verlockend einfachen Weg gegangen und habe abtreiben lassen. Heute bin ich noch verzweifelter, dass ich es getan habe. Ich bin meines Lebens nicht mehr froh geworden und würde alles tun, um meine Tat ungeschehen zu machen. M.E. ist in einem solchen Falle jede andere Lösung besser, selbst eine Adoption. Heute denke ich, ich hatte einfach nicht das Recht, Leben zu vernichten, stelle mir vor, wie sich das Kind entwickelt hätte, und bin manchmal so unglücklich und depressiv, dass ich mir wünsche, das Leben wäre vorbei.
Vielleicht können Sie jungen Frauen, die vor einer solchen Entscheidung stehen, diesen Brief zeigen, oder an eine zuständige Stelle weitergeben. Es wäre sehr schön, wenn ich dadurch helfen könnte, dass die Entscheidung für das Kind ausfällt.
Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich anonym bleiben möchte. Für Ihre Organisation lege ich einen Geldschein über 500 Euro bei, den Sie sicher entsprechend verwenden werden."
Tagebuch: 17. Juli 2018
von Reinhold Eichinger
Heute um 15 Uhr ist die Prüfung für den Schönen Abschied. Ich befürchte, diesmal erhalte ich kein weiteres Jahr Verlängerung. Meine Nierengeschichte ist volkswirtschaftlich einfach nicht mehr tragbar. 79 Jahre wäre ich dann alt, plus die drei Monate Bereinigungsfrist zur Regulierung meiner persönlichen Verhältnisse.
Sie sagen, der Schöne Abschied sei etwas Erhebendes, bei manchen sollen die Hinüberschlaftropfen sogar ekstatische Freude auslösen. Eigentlich kann ich doch zufrieden sein, die meisten meiner Freunde haben es nur bis 75 oder 76 geschafft.
Gerhard musste seine Reise-in-die-Freude schon mit 63 antreten. Er hätte länger Nutzmitglied sein können, wenn sein Tumor durch den jährlichen Krebs-Test frühzeitig festgestellt und dann geheilt worden wäre. Aber er wollte nicht testen lassen, er weigerte sich. So fand vorzeitig sein Schöner Abschied statt.
Glücklicherweise muss Marita den Zeitpunkt meiner Reise-in-die-Freude nicht mehr miterleben. Sie hätte sehr darunter gelitten. Oder sie hätte mich freiwillig begleitet. Aber ich bezweifle, dass sie zugelassen worden wäre - immerhin 15 Jahre jünger als ich und damit noch ein produktiver Faktor.
In gut zwei Wochen feiert Jessy ihre Menschaufnahme. Ihre Geburt vor 12 Tagen war etwas kritisch, aber dann wurde sie doch zum Leben zugelassen. Wenn ich bedenke, dass der Bundestag bald über die Fristverlängerung abstimmt und dann möglicherweise die 20-Wochen-Frist einführt, wird mir doch etwas flau im Magen. Die Humandemokraten sperren sich noch gegen die längere Frist. Die Sozialhumanistische Partei will sie mit allen Mitteln durchdrücken, um die Europäische Menschlichkeits-Charta möglichst schnell auch im Inland in die Praxis umzusetzen. Sie argumentieren, die 20 Wochen stellten schon einen Kompromiss dar; führende Ethiker hätten schon eine Vormenschlichkeitsperiode von bis zu sieben Jahren gefordert. Es wird wohl so laufen wie immer: Siegen wird, was sie als Fortschritt bezeichnen.
Meine drei Kölner Enkel machen sich gesundheitlich gut. Nur Peter bereitet mir ein wenig Sorgen, ich meinte schon mehrmals, bei ihm verstärkte Hautblässe zu beobachten. Hoffentlich kein ungutes Zeichen. Meine Schwiegertochter findet immer Ausreden, wenn ich sie nach Peters Prognostik frage. Aber kann man ausschließen, dass er vor die Lebens-Kommission geladen wird?
Wie meine Prüfung heute Nachmittag auch ausgehen mag, auf jeden Fall werde ich Günthers Einladung annehmen und heute Abend mit ihm Schach spielen. Im Keller hat er einen alten Wein gefunden, den er mir vorsetzen möchte. Schon seit längerem vermutet er, dass seine Prognostik manipuliert wurde, weil er als Kirchgänger zu den "Geistlern" gezählt werde. Bisher habe ich das als Hirngespinste abgetan. Eigenartig ist es aber doch, dass er, kaum aus dem Erwerbsleben ausgeschieden, vorzeitig zum Test bestellt wurde. Beweisen lässt sich ein Zusammenhang natürlich nicht.
Wie auch immer, wir wollen beide nicht über die verbleibende kurze Zeit trauern. "Trauer ist unproduktiv", sagte kürzlich der Bundeskanzler.
Alles nur Fantasie, Fiktion? So, oder so ähnlich, könnte unser Leben eines Tages aussehen, in dreißig, oder auch schon in zwölf Jahren. Wenn wir alles einfach so laufen lassen. Wenn wir nichts gegen eine solche Entwicklung unternehmen. Wenn wir die Politik den Politikern, die Moral den Gelehrten, die Forschungsrichtung den Wissenschaftlern, die wirtschaftliche Entwicklung den Konzernen überlassen. Wenn unsere Meinung ist, was öffentlich verkündet wird, wenn richtig und gut das ist, was die Mehrheit - oder irgendwelche Mehrheiten oder auch Gremien - dazu erklären. Das Leben braucht eine Lobby, so wie bisher die Industrie oder Forschungsobjekte Lobbys haben. Das Leben braucht viele Stimmen, die laut werden gegen die Täuschungen und das Nützlichkeitsdenken unserer Zeit. Das Leben braucht Unterstützung in vielfältiger Hinsicht. Es liegt an uns.
Der Autor ist Schatzmeister der Aktion Lebensrecht für Alle e.V.
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Telefon: 02 11 / 70 82 91
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