Muntere Anne-Kathrin

 

Mädchen mit Trisomie 21 ist keine „Last“, sondern „Bereicherung“

 

Anne-Kathrin sprüht geradezu vor Lebensfreude. Die 14-Jährige geht gerne zur Schule, findet ihre Lehrer „cool“, kann sich in Gruppen einordnen, möchte später einen sozialen Beruf erlernen, hat einen festen Glauben an Gott und ist als Jüngste unter ihren sechs Geschwistern der Mittelpunkt der Familie Fritz in Neuhausen bei Metzingen.

 

Dennoch hätte Anne-Kathrin nach Ansicht ihres ersten Kinderarztes nicht geboren werden dürfen. Kurz nach ihrer Geburt stellte sich heraus, dass das Mädchen ein Chromosom zu viel hat: Down Syndrom. Mutter Hanna Fritz denkt mit Grauen an das erste Gespräch mit dem Chefarzt der Kinderklinik zurück. Der Mediziner warf ihr Verantwortungslosigkeit vor, weil man diese Normabweichung über eine Fruchtwasseruntersuchung hätte feststellen und das heranwachsende Kind frühzeitig hätte abtreiben können. „Diese Last hätten Sie sich sparen können“, erinnert sich Hanna Fritz an den Kommentar des Arztes.

 

Seit dieser Zeit kämpft sie für den Schutz des ungeborenen Lebens. Ihre Tochter Anne-Kathrin empfinden Theodor und Hanna Fritz als Bereicherung, für die beide dankbar sind. Derzeit besucht die 14-Jährige eine Schule für Menschen mit Behinderungen in Münsingen und würde am liebsten Krankenschwester werden. In der Jungschargruppe in Neuhausen ist sie als vollwertiges Mitglied angenommen, und auch sonst hat Anne-Kathrin etliche nichtbehinderte Freundinnen in ihrem Heimatort.

 

Viele ihrer Mitmenschen beeindruckt das behinderte Mädchen aus Neuhausen mit ihrem Glauben. Theodor und Hanna Fritz ließen ihre Kinder nicht taufen. Doch als Anne-Kathrin neun Jahre alt war und eine ihrer Schwestern sich für die Taufe entschied, kam in ihr der innige Wunsch auf, sich selbst auch taufen zu lassen. Sie besuchte den Konfirmandenunterricht für behinderte Jugendliche in Münsingen und wurde im vergangenen Frühjahr getauft und konfirmiert.

 

Hanna Fritz ist ALfA-Mitglied. Autor des Textes ist Bernd Reyher. Der Artikel erschien im Evangelischen Gemeindeblatt für Württemberg, Heft 15/2002, Seite 3

Embryonen schreien nicht

 

Schutz von Menschen im Frühstadium geht alle an

 

Diese Stimme der Nachdenklichkeit aus dem Buch „Verrückter kann man gar nicht leben - Ärztin, Nonne, Powerfrau“ (Herder spektrum 2002) verdient Beachtung. Das Zitat stammt von Dr. med. Ruth Pfau, die als katholische Ordensfrau und Regierungsberaterin für das Lepra- und TB-Kontrollprogramm im muslimischen Pakistan und im afghanischen Untergrund einen Gesundheitsdienst aufbaute:

 

Eine Erosion, die uns alle betrifft

 

Unsichtbarkeit verringert nicht die Probleme. Sie verstärkt sie vielleicht sogar. Das Elend in Pakistan oder Afghanistan hat ein wahrnehmbares Gesicht. In der Dritten Welt werden Kinder ausgesetzt, vor allem wenn es Mädchen sind. Aber wer gibt uns das Recht, uns über dieses „barbarische Verhalten“ erhaben zu fühlen? Was wir hier mit den „überzähligen Embryonen“ (welch entlarvendes Wort!) machen, das lässt mich in Karachi nicht schlafen.

Einmal kamen morgens zwei bärtige muslimische Männer und holten mich in heller Aufregung aus der Konventmesse. Unter lautstarkem Palaver, das ich nur halb verstand, zerrten sie mich fast zur Müllkippe in der Seitenstraße. Da lag ein wimmerndes Baby, die Mutter hatte ihm noch – welch hilflose Geste – ein Fläschchen danebengelegt ...

Ein Baby, das man auf der Müllkippe deponiert, kann noch schreien, und einer wird es hören. Embryonen können nicht einmal schreien. Sie haben keine Stimme und keine Lobby. Und wenn sie der kosmetischen Industrie und den Forschungslaboratorien zugespielt werden, dann vergeht man sich an den wehrlosesten aller Geschöpfe. Das ist nicht ein Problem gewissenloser wissenschaftlicher Eliten oder geldsüchtiger Geschäftsleute. Das ist eine Erosion, die uns alle betrifft. Haben wir nicht schon einmal Leben für „lebensunwert“ erklärt...

 

Dr. Maria Overdick-Gulden