"Die Menschenwürde war unantastbar"
Bericht über die diesjährige Bundesdeligiertenversammlung der ALfA
Die Abtreibung des eigenen ungeborenen Kindes stellt für die Mutter nicht die Lösung eines vermeintlichen Problems dar, sondern vielmehr die Geburt eines oder mehrerer echter. Auf diesen Nenner lassen sich die Erkenntnisse bringen, die betroffene Frauen auf der diesjährigen Bundesdelegiertenversammlung der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) in Königswinter preisgaben. Während die Gestalttherapeutin Ursula Büchler-Marzolph in einem Workshop die wissenschaftlichen Erkenntnisse referierte, die über das so genannte Post-Abortion-Syndrom (PAS) gesammelt werden konnten, legte die Autorin Marianne Germann, die aus ihrem Buch "Eine Frau sucht ihren Weg – Rückblick auf entscheidende Lebensphasen" (Triaga-Verlag, Gelnhausen 2001, 118 Seiten, 8,80 Euro) las, ein ganz persönliches Zeugnis vor. Als junge Frau wurde sie von dem Ehemann einer anderen Frau schwanger. In der Annahme, dass ihre Eltern ihr diesen Fehltritt nicht verzeihen würden, entschloss sie sich zur Abtreibung, für 550 Mark in einer Klinik in Den Haag, die täglich dreißig vorgeburtliche Kindestötungen durchführte. Im Moment des tödlichen Eingriffs, den sie auch nach Jahrzehnten detailliert zu schildern vermag, schrie sie der Ärztin entgegen: "Sie reißen mir das Herz aus dem Leib."
Post-Abortion-Syndrom: Ergreifendes Zeugnis einer Betroffenen
Marianne Germann beschönigt nichts. Sie schiebt die Verantwortung für die Tat nicht auf andere, obgleich sie damals einsam und ohne Hilfe dastand: Niemand, der sich für sie und das Kind eingesetzt hätte, war da, niemand, dem sie auch nur von ihrer Schwangerschaft hätte erzählen können. "Ich wollte es, aber ich hatte meine Gefühle ausgeschaltet", sagt sie heute.
Jahrzehntelang wird sie von den für das PAS typischen Symptomen geplagt: Wehmut und Neid beim Anblick schwangerer Frauen, Schuldgefühle, Sehnsucht nach einem Kind. Ein Wunsch, der sich, nachdem die Entfernung der Gebärmutter unumgänglich geworden ist, nie mehr erfüllen lässt. Jahre nach der Abtreibung erkrankt sie an einer Hautkrankheit. Einmal täglich zerkratzt sie sich den ganzen Körper. Mehrfache Kuraufenthalte verlaufen ergebnislos. "Ich wollte mir wohl die Haut abreißen." Erst nachdem sie im Fernsehen einen Film über das, was bei einer Abtreibung passiert, gesehen hat, bringt sie die verdrängte Tat und die Symptome in einen Zusammenhang. Sie beginnt mit einer Aufarbeitung des Erlebten, stellt sich ihrer Schuld, sucht Vergebung bei Gott und versucht auch, sich selbst vergeben zu lernen.
Unvorstellbare Dimensionen: Weltweit 40 Mio. Abtreibungen pro Jahr
Marianne Germann ist kein Einzelfall. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden weltweit jährlich 40 bis 60 Millionen Abtreibungen durchgeführt. In Deutschland sind laut den Berechnungen des Osnabrücker Sozialethikers Manfred Spieker in den vergangenen 30 Jahren mehr als acht Millionen Kinder im Mutterleib getötet worden.
Untersuchungen zufolge leiden rund 80 Prozent der Frauen an den psychischen Folgeschäden einer Abtreibung, die meist erst Jahre später erkannt werden. Und das, obwohl viele Frauen unmittelbar nach der Abtreibung eine Erleichterung verspüren. Die PAS-Symptome sind vielfältig: "Manche Frauen haben immer wiederkehrende schmerzliche Träume von der Abtreibung oder von dem ungeborenen Kind. Dies schließt das Wiedererleben der Abtreibung genauso ein wie eine blitzartige Rückschau auf Erlebnisse während der Narkose oder des Aufwachens", wusste Büchler-Marzolph zu berichten. Sofern sie sich Ereignissen ausgesetzt sähen, die sie an das Abtreibungserlebnis erinnerten, etwa ein Klinkaufenthalt, Begegnungen mit schwangeren Frauen oder eine spätere eigene Schwangerschaft, erlebten sie oft starken seelischen Stress. Häufig zu beobachten sei auch das Auftreten von Depressionen an Jahrestagen der Abtreibung oder des errechneten Geburtstermins. Neben psychischen Symptomen wie "Störung des Selbstwertgefühls, emotionale Gleichgültigkeit, unmotiviertes Weinen, Reue- und Schuldgefühle, Depressionen bis hin zu Suizidversuchen, Autoaggression und Angstzuständen treten auch psychosomatische Störungen auf, für die sich keine organischen Ursachen finden", erklärte Büchler-Marzolph. Dazu zählen: "Kopfschmerzen, Herz-rhythmusstörungen, Magen- und Darmstörungen, funktionale Unterleibsbe-schwerden, Menstruationsbeschwerden, Schlafstörungen und Alpträume." Auch Frigidität sei ein mögliche Folge.
Grundsätzlich lasse sich sagen, dass "die Frau, die ein Verantwortungsgefühl besitzt, die liebesfähig ist und ein mütterliches Empfinden besitzt, neben ihrem Kind am meisten leidet. Sie ist Täter und Opfer zugleich", resümiert die Gestalttherapeutin, die sich heute um Frauen kümmert, die wie sie eine Abtreibung erlebt haben. Büchler-Marzolph hob auch die besondere Verantwortung der Väter bei einer Abtreibung hervor. Diese fände in der öffentlichen Debatte kaum Beachtung. Dabei gebe der Druck des Partners sowie fehlende Unterstützung meist den Ausschlag für die Schwangere, sich für eine Abtreibung zu entscheiden.
Öffentliche Fachtagung: "Die Menschenwürde war unantastbar"
Von all dem scheint die rot-grüne Bundesregierung nichts wissen zu wollen. In ihrer kürzlich erfolgten Antwort auf eine Kleine Anfrage von Unionspolitikern heißt es, es gebe "keine oder nur geringe Unterschiede im psychischen Befinden zwischen Frauen mit Schwangerschaftsabbruch und Frauen mit ausgetragenen Schwangerschaften." Auch sonst ist von der Bundesregierung nicht viel zu erwarten. Wie auf der BDV berichtet wurde, lehnte die Vertreterin der SPD in einem interfraktionellen Gesprächskreis eine Verbesserung der statistischen Erfassung von Spätabtreibungen mit der Begründung ab, dass "diese Zahlen politisch missbraucht werden könnten." Was wohl soviel bedeutet wie: Die Wahrheit darf nicht ans Licht kommen, damit die Politiker nicht zum Handeln gezwungen werden können.
Die Untätigkeit der Politik auf dem Feld des Lebensschutzes war denn auch das Thema der öffentlichen Fachtagung, die die ALfA im Rahmen ihrer Bundesdelegiertenversammlung unter dem provokanten Titel "Die Menschenwürde war unantastbar" veranstaltete. Robert An-tretter, Bundesvorsitzender der Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung, warnte in seinem Vortrag vor einer neuen Debatte um den Personenbegriff. Teile von Industrie und Forschung trachteten danach, "die Person als höherwertigen Menschen zu qualifizieren". Ziel sei es, diejenigen des Schutzes zu berauben, die dann nicht mehr unter den Personenbegriff fielen, etwa Menschen mit geistiger Behinderung, Koma-Patienten, ungeborene Kinder. "Wer hier eine Klassifizierung vornimmt, legt Hand an die Menschenwürde. Und dem muss man dann auf die Finger klopfen", forderte der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete.
Der Journalist und Publizist Jürgen Liminski ging der Frage nach, was es für die Gesellschaft bedeutet, wenn es keinen Respekt mehr vor der Menschenwürde gibt, und kam zu dem Ergebnis: "Wenn die Würde in Frage gestellt wird, gleitet alles in die Barbarei." Als Kern der heutigen Krise machte Liminski den "Verzicht auf die Wahrheit" aus und kritisierte, dass heute nicht mehr genug zwischen "Gut-fühlen" und "Gut-sein" unterschieden werde. Als Ausweg aus der Krise empfahl Liminski die Stärkung von Familie und Erziehung. Die Familie sei der Ort, wo Menschen den Respekt vor der eigenen und der Würde des anderen lernen könnten. Erziehung sei nichts anderes als "Beschenkung mit Menschlichkeit".
Grüße von Kardinal Meisner und Philipp Mißfelder
Der Erzbischof von Köln, Joachim Kardinal Meisner, beklagte in einem Grußwort an die Delegierten der ALfA, dass das "Lebensrecht des schwachen unge-borenen sowie des hilfsbedürftigen alten Menschen vielfach bestritten wird." Da es in dieser Frage keinen gesellschaftlichen Konsens gebe, sei das Engagement "einzelner Personen und Gruppierungen, die den Wert des menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zu einem natürlichen Tod gegen eine Kultur des Todes verteidigen", unverzichtbar. "Gott sei Dank gibt es auch in Deutschland Organisationen und Verbände wie die Aktion Lebensrecht für Alle e.V., die gelegen oder ungelegen für den Schutz des Lebens auf die Straßen gehen und bei den politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsträgern auf das Grundrecht auf Unversehrtheit des menschlichen Lebens pochen", so Meis-ner weiter. Auch der Bundesvorsitzende der Jungen Union Deutschland, Philipp Mißfelder, hatte sich schriftlich an die Delegierten der ALfA gewandt. "Die Junge Union und die ALfA eint das Verständnis vom Menschen als einmaliger, unverwechselbarer und eigenverantwortlicher Persönlichkeit mit unantastbarer Würde. Kein Mensch hat das Recht, über das Leben eines anderen zu verfügen. Dies gilt sowohl für Geborene als auch für Ungeborene."
Wahlen: Der neue ALfA-Vorstand
Bei den turnusgemäßen Vorstandswahlen wurden die ALfA-Bundesvorsitzende Dr. med. Claudia Kaminski und der 2. stellvertretende Vorsitzende, Hubert Hüppe, MdB, in ihren Ämtern bestätigt. Neu in den geschäftsführenden Bundesvorstand der ALfA wurden gewählt: die Journalistin Birgit Kelle (1. stellvertretende Vorsitzende), der Unternehmer Volker Kleibrink (Schatzmeister) sowie die Übersetzerin Alexandra Linder (Schriftführerin).
Ihre Amtsvorgänger, Stefan Brandmaier, Reinhold Eichinger und Georg Snatzke, hatten jeweils aus Arbeitsüberlastung nicht mehr für den geschäftsführenden Vorstand kandidiert, wurden jedoch alle in den erweiteren Bundesvorstand gewählt. In den erweiteren Bundesvorstand wurden weiter neu gewählt beziehungsweise erneut bestätigt: Monika Diessel, Sebastian Grundberger von der Jugend Für das Leben, Cornelia Kaminski, Ursula Büchler-Marzolph und Dr. Maria Overdick-Gulden. Kooptiert wurden zudem Julia Castor, Monika Eichinger, Michael Frisch, Silvia und Ulf Hutengs, Andreas Reimann und Michael Rupp.
Bernhard Stutz verunglückt
Tod reißt Lücke in Lebensrechtsbewegung
Er war den meisten ALfA-Bundesdelegierten als engagierter Vorkämpfer für das Lebensrecht bekannt: Bernhard Stutz, der Vorsitzende des ALfA-Regionalverbands (RV) Karlsruhe, ist urplötzlich heimgegangen. Im Alter von nur 46 Jahren verunglückte er mit seinem Motorrad tödlich in der Ortseinfahrt seiner Wahlheimat Pfinztal-Söllingen bei Karlsruhe.
Bernhard Stutz hinterlässt nicht nur seine den Bundesdelegierten ebenfalls wohlbekannte 44-jährige Ehefrau Ilona mit ihren Kindern Sebastian (16), Sabrina (12), Maria (9) und Mirijam "Schnurzelchen" (3). Er reißt auch eine "unersetzliche Lücke in die deutsche Lebensrechtsbewegung", wie Hubert Hüppe, der stellvertretende ALfA-Bundesvorsitzende und Vizevorsitzende der Bundestags-Enquètekommission "Recht und Ethik der modernen Medizin", in einem Nachruf formulierte, der bei Bernhards Beerdigung verlesen wurde. Bundesvorstandsmitglied Frau Dr. Overdick-Gulden legte für die ALfA einen Kranz nieder.
Bernhard Stutz war in vielerlei Hinsicht ein Vorbild: Als Regionalverbands-Vorsitzender belebte er den RV Karlsruhe mit immerhin 250 Mitgliedern neu. Unermüdlich organisierte er Stände in Fußgängerzonen. Er leitete die erste Demonstration in der Bannmeile des Bundesverfassungsgerichts mit 250 Teilnehmern, war zuletzt mit einem Stand auf der Baby-Messe in Speyer präsent. Er schuf eine Regionalverbands-Internetseite mit eigenen Kommentaren zu gesellschaftlichen Themen. Und er machte bei jeder Bundesdelegiertenversammlung engagiert mit. Vielen wird Bernhards gewinnende Art, mit seinem Lachen andere zum Lachen zu bringen, auf immer in Erinnerung bleiben.
Bernhard Stutz liebte das politische und religiöse Streitgespräch, nicht um des Streites willen, sondern wegen des von ihm ernst genommenen missionarischen Auftrags (während sich viele andere für ihren Glauben entschuldigen). Er konnte aufbrausen, oh ja, aber das geschah nie mit bösem Willen. Falls nötig, streckte er die Versöhnungshand aus.
Aber nicht nur die politische Arbeit lag Bernhard Stutz am Herzen, nein, er war auch stets und ohne Zeitlimit Ansprechpartner für Schwangere in Not und auch für Frauen, die über ihre Abtreibung nicht hinwegkamen.
Er war ein liebevoller Vater und erzog seine Kinder im christlichen Glauben. Und vor allem beim Anblick seines "Schnurzelchen" (diesen Namen fand er spontan für seine jüngste Tochter) schmolz er dahin. Und in seiner katholischen Pfarrei engagierte sich Bernhard zuletzt als Firmhelfer. Er war auch ein herzlicher Gastgeber – das durfte ich erfahren und bin zum Freund des Hauses geworden.
Auch im Beruf als Fernfahrer und in den vergangenen Jahren als Kranfahrer zeigte Bernhard Stutz außergewöhnlichen Einsatz: Oft ließ er sich aus dem Urlaub oder am Wochenende rufen, weil nur er den schwersten Kran fahren durfte.
Durch seinen Heimgang wurde offenbar, wie beliebt Bernhard Stutz nicht nur in seiner Ortschaft Söllingen war: Etwa 100 Trauernde gaben ihm das letzte Geleit. Seine Witwe Ilona erfährt großen Trost aus ihrer Umgebung.
Trauerhaus: Ilona Stutz, Waldstraße 17, 76327 Pfinztal.
Georg Eble

