Wir müssen über die Kinder reden
Cornelia Kaminski
Wer ein Kind über den Weg der Leihmutterschaft bekommen möchte, hat einen langen Leidensweg hinter sich – oder einen unerfüllten Wunsch lange vor sich hergeschoben. Dem letzten Akt – der Geburt des per Leihmutterschaft produzierten Kindes – geht in aller Regel ein mehrjähriger Prozess voraus. Sein Leben ist von Anfang an strukturiert geplant. Seine Eltern legen fest, welche genetischen Bestandteile zum Einsatz kommen: Per Katalog können Ei- und Samenzellspender ausgewählt werden, die Eltern können entscheiden, ob sie selbst genetisch mit dem Kind verwandt sein möchten. Ebenfalls ausgewählt wird eine Leihmutter, die das durch Befruchtung im Reagenzglas (IVF) entstandene Kind austragen soll. Es ist naheliegend, dass dieses Auswahlverfahren nicht ohne Folgen bleibt. Wer Mühe, Zeit und Geld investiert, um ein möglichst perfektes Kind zu bekommen, ist weniger geneigt, es auch mit pränatal festgestellten Anomalien zu akzeptieren. Die Verpflichtung zur Abtreibung in einem solchen Fall ist daher Bestandteil der Leihmutterschaftsverträge. Frauen, die sich widersetzen, drohen Rechtsstreitigkeiten und Entschädigungsforderungen.
Nach Vertragsabschluss folgt ein hoch technisierter Prozess mit zahlreichen Eingriffen in die frühesten Phasen menschlicher Entwicklung. Hormonstimulation, Eizellentnahme, ICSI, Kryokonservierung, In‑vitro‑Kultur, Embryotransfer und häufig der Einsatz fremder Eizellen unterscheiden sich grundlegend von einer natürlichen Schwangerschaftsbiografie. Sie greifen genau dort an, wo Zellen, Organe und Regulationssysteme des ungeborenen Kindes besonders empfindlich sind.
Bei allen Studien zu gesundheitlichen Risiken von Leihmutterschaftsschwangerschaften und -kindern gilt es daher zu bedenken, dass bei diesen Verfahren nichts dem Zufall überlassen wird. Ei- und Samenzelle werden so ausgewählt, dass genetische Vorerkrankungen möglichst ausgeschlossen sind, weitere Präimplantationstests stellen sicher, dass nur gesunde Kinder übertragen werden. Anders als bei spontanen Schwangerschaften werden die Frauen, die sich als Leihmütter zur Verfügung stellen, zahlreichen medizinischen und psychologischen Tests unterzogen. Sie müssen nachweislich mindestens ein gesundes Kind komplikationslos geboren haben. All das schränkt die Vergleichbarkeit der Ergebnisse beider Verfahren – Leihmutterschaft und natürliche Schwangerschaft – deutlich ein. Was jedoch verglichen werden kann, sind die Risiken, die sich im Verlauf von Zeugung und Schwangerschaft für das Kind ergeben.
Sowohl die Manipulation des Embryos als auch die Laborbedingungen bei einer künstlichen Befruchtung (IVF) können epigenetische Veränderungen in der frühen Embryonalentwicklung auslösen. Das bedeutet: Die DNA-Sequenz selbst bleibt unverändert, aber die Steuerung der Genaktivität (über DNA-Methylierung, Histonmodifikation und miRNA) kann gestört werden – und diese Veränderungen können vererbt werden. Vereinfacht gesagt: Die Gene selbst werden nicht verändert – aber es kann zu Beeinträchtigungen dabei kommen, ob und wann sie benutzt werden .
Bei einer Leihmutterschaft wird die hormonelle Stimulation zur Gewinnung mehrerer Eizellen (Superovulation) entweder bei der Bestellmutter selbst, bei einer Eizellspenderin oder bei der Leihmutter durchgeführt. Ziel ist immer eine möglichst hohe Anzahl an Eizellen.
Es gibt Hinweise, dass die eingesetzten Hormone (exogene Gonadotropine) vier sogenannte „geprägte“ Gene (Imprinting-Gene: peg1, kcnq1ot1, zac, h19) epigenetisch verändern können. Diese Gene sind besonders wichtig, weil bei ihnen – anders als bei den meisten Genen – nur die Kopie eines Elternteils aktiv ist. Normalerweise besitzt ein Mensch von fast jedem Gen zwei Kopien: eine von der Mutter, eine vom Vater. In vielen Fällen können grundsätzlich beide Kopien abgelesen werden. Bei Imprinting-Genen ist das anders: Schon in Ei- und Samenzelle wird epigenetisch festgelegt, welche elterliche Kopie später aktiv sein soll. Die andere Kopie wird gezielt stillgelegt – meist durch DNA-Methylierung. Störungen hier könnten die Entwicklung von Eizelle und Embryo beeinträchtigen: Wachstumsverzögerungen beim Fötus, Probleme bei der Plazentaentwicklung, gescheiterte Einnistung des Embryos, Fehlgeburten. Man vermutet daher, dass sich solche Schäden bereits in der sehr frühen Embryophase auswirken könnten – auch wenn man das aus ethischen Gründen an echten IVF-Embryonen (die ja implantiert oder eingefroren werden sollen) nicht direkt untersuchen kann.
Das IVF-Verfahren selbst birgt die bekannten Risiken für die Kinder. Das Risiko angeborener Fehlbildungen ist bei Kindern, die mithilfe von IVF-Technologie gezeugt wurden, um etwa ein Drittel höher als bei anderen Kindern. Viele Studien legen nahe, dass Kinder, die auf diese Weise gezeugt wurden anfälliger für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind und einen höheren systolischen sowie diastolischen Blutdruck sowie Adipositas infolge von Insulinresistenz und gestörtem Glukosestoffwechsel aufweisen. Bei der klassischen IVF werden die Eizellen und Spermien einfach zusammen in eine Nährlösung gegeben, sodass die Befruchtung auf natürliche Weise stattfindet, indem ein Spermium selbstständig in die Eizelle eindringt. Bei der ICSI (intrazytoplasmatische Spermieninjektion) hingegen wird ein einzelnes, sorgfältig ausgewähltes Spermium mit einer feinen Nadel direkt in die Eizelle injiziert. Es ist das erfolgversprechendere Verfahren und kommt daher häufiger bei Leihmutterschaften zum Einsatz. Allerdings ist es auch invasiver und umgeht natürliche Selektionsmechanismen bei der Befruchtung – etwa die Akrosomreaktion der Samenzelle – was das Risiko neuer Chromosomenveränderungen beim Kind erhöhen kann.
Um das Einnistungspotenzial von Embryonen aus dem IVF-Labor, die in einem Leihmutterschaftszyklus verwendet werden, möglichst zu erhöhen, werden diese häufig bis zum Blastozystenstadium in einer Nährlösung kultiviert. Mehrere Studien weisen darauf hin, dass das Kulturmedium mit nachteiligen Entwicklungen zusammenhängen kann, etwa mit einer fehlerhaften oder geringeren Einnistung, Störungen des Entwicklungstempos sowie einer geringeren Embryoqualität. Die Forschung arbeitet daher weiterhin daran, die optimale Zusammensetzung von Kulturmedien für menschliche Embryonen zu bestimmen und die Bedingungen im Mutterleib möglichst genau nachzuahmen – gelungen ist das bislang nicht. In vitro erzeugte Embryonen müssen die Eileiter nicht durchwandern, was ebenfalls mit Risiken in Verbindung gebracht wird. Sollte zudem der Embryo vor der Implantation tiefgefroren worden sein – bei Leihmutterschaftsverfahren nicht unüblich – erhöht dies ebenfalls das Risiko für Fehlbildungen, Anomalien und Frühgeburten.
Bei Leihmutterschaft wird zudem häufig versucht, durch Präimplantationsdiagnostik bzw. Präimplantationsscreening (PID/PGT) einen chromosomal unauffälligen Embryo auszuwählen. Dadurch sollen Fehlgeburten und die Geburt eines Kindes mit bestimmten genetischen oder chromosomalen Erkrankungen weniger wahrscheinlich werden. Die zusätzliche genetische Untersuchung bedeutet jedoch einen weiteren Eingriff am Embryo und dient der Selektion – nach Anomalien, aber auch nach Geschlecht. Die begrenzte Forschung hierzu deutet darauf hin: In einer US-Studie mit 40 Familien schwuler Väter waren 60 Prozent der Kinder Jungen und 40 Prozent Mädchen. Die Stichprobe ist jedoch zu klein, um daraus eine allgemeine Regel abzuleiten.
Bei Leihmutterschaften kommt es überdurchschnittlich häufig zu Mehrlingsschwangerschaften. Ursächlich ist die Übertragung von mehreren Embryonen, um die Chancen einer Schwangerschaft zu erhöhen, was den Anteil der Mehrlingsschwangerschaften auf bis zu 30 % hochschraubt. Bei spontanen Schwangerschaften liegt diese Rate deutlich darunter: Das amerikanische Center of Disease Control gibt die Zwillingsgeburtenrate für 2024 mit 0,3 % an. Mehrlingsschwangerschaften gehen mit deutlich höheren Risiken für Frühgeburt, niedriges Geburtsgewicht und Präeklampsie einher.
Die US-amerikanischen Fachgesellschaften empfehlen daher den sogenannten elektiven Single-Embryo-Transfer (eSET). Die gezielte Erzeugung mehrerer Embryonen, ihre in-vitro Kultur zur Auswahl und anschließend die Übertragung nur eines Embryos folgt der Logik, dass Menschen im Frühstadium ihrer Existenz nach Kriterien wie Entwicklungsverlauf, Morphologie oder genetischen Befunden bewertet und selektioniert werden können. Nimmt man an, dass auch der in vitro für ein Leihmutterschaftsverfahren gezeugte Embryo ein Kind ist, so besteht das größte Überlebensrisiko für dieses Kind im Selektionsverfahren vor seiner Implantation. Ein solcher elektiver Single-Embryo-Transfer ist nach geltender deutscher Rechtslage grundsätzlich nicht erlaubt. Das Embryonenschutzgesetz verbietet, mehr Eizellen zu befruchten, als innerhalb eines Zyklus übertragen werden sollen (§ 1 Abs. 1 Nr. 5 ESchG).
Bei den meisten Leihmutterschaftsverfahren kommt eine ausgewählte Eizelle zum Einsatz, die nicht von der Leihmutter selbst stammt. So soll eine genetische und auch emotional engere Verbindung zum Kind vermieden werden. Die Folge ist, dass der Fötus, der bereits in einer natürlichen Schwangerschaft ein semi-allogenes Transplantat für die mütterliche Wirtsperson darstellt (nur die Hälfte seines genetischen Materials ist identisch mit dem der Schwangeren), nach einer Eizellspende ein vollständig allogenes Transplantat ist. Somit besteht eine größere antigenische Verschiedenheit zur Mutter. Aktuelle klinische Daten haben ein höheres Risiko für Fehlgeburt, Schwangerschaftshypertonie, Frühgeburt und niedriges Geburtsgewicht bei Schwangerschaften nach Eizellspende aufgezeigt.
Die besondere emotionale Situation der Leihmutterschaft kann zusätzlichen Stress erzeugen. Mütterlicher Stress aktiviert die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) und führt zur Ausschüttung von Hormonen wie CRH, ACTH, Cortisol und Adrenalin. Diese können die plazentare Durchblutung verringern und zu fetaler Wachstumsrestriktion (IUGR) führen. Auch die psychische Verbundenheit (oder fehlende Akzeptanz) der Leihmutter gegenüber dem Fötus wird als möglicher Einflussfaktor diskutiert. Studien an der Allgemeinbevölkerung zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen mütterlichem Stress und niedrigem Geburtsgewicht bzw. Frühgeburt. Säuglinge sehr ängstlicher Mütter zeigten in den ersten sieben Lebensmonaten anhaltendes Schreien sowie Reizbarkeit, unregelmäßige Körperfunktionen und Koliken. Im Alter von neun Jahren wurden diese Kinder als überaktiv und schlecht schlafend eingestuft. Pränataler mütterlicher Stress beeinflusst zudem das Verhalten der Kinder maßgeblich – sie wurden als antisozial und mit niedriger Frustrationsschwelle beschrieben. Die pränatale und perinatale Psychologie zeigt, dass jeder Reiz, der im Bewusstsein des Kindes gespeichert wird, maßgeblich dessen späteres Verhalten als Erwachsener bestimmt: körperliche Gesundheit und psychisches Gleichgewicht ebenso wie die Beziehungen, die das Kind im Laufe seines Lebens eingeht. Viele klinische Studien gehen davon aus, dass sich das Bewusstsein des Embryos bereits während der intrauterinen Phase bildet. Wahrnehmung und Gefühle der Leihmutter können die kindliche Entwicklung erheblich beeinflussen. Medizinisch belegt ist der Transfer verschiedener Neurohormone von der Mutter zum Fötus während der Schwangerschaft – diese sind entscheidend für die fetale Hirnentwicklung, die normale Funktion des Nervensystems sowie das spätere Selbstvertrauen und die Intelligenz des Kindes. Wenn die Mutter ein inniges Verhältnis zum Ungeborenen hat, wirkt das wie ein Katalysator auf die Mutter-Kind-Kommunikation und trägt zu wichtigen Entwicklungsschritten bei, bis hin zur späteren Sprachfähigkeit des Kindes.
Aus der Adoptionsforschung ist bekannt, welchen psychischen Risiken Kinder ausgesetzt sind, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen. Hierzu zählen Depressionen, Angstzustände, bipolare Störungen, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und oppositionelles Trotzverhalten (ODD). Die Schwere der Beeinträchtigung und die Höhe des Risikos, davon betroffen zu sein, hängen mit dem Adoptionsalter zusammen. Eine frühe Adoption und keinerlei Bindung an die leibliche Mutter begünstigen zwar die Situation für das Kind, stellt aber immer noch einen deutlichen Nachteil im Vergleich zum Verbleib bei den leiblichen Eltern dar. Entscheidend ist auch die Art des Umgangs mit der besonderen Entstehungsweise. Die meisten Studien zeigen, dass Kinder nach Samen‑ oder Eizellspende psychisch gut zurechtkommen, wenn die Familie stabil ist und offen mit der Herkunft umgeht – aber ein relevanter Teil der Betroffenen ringt später mit Fragen nach Identität, Vertrauen zu den Personen, die nun ihre Eltern sind, und Fragen nach ihrer genetischen Herkunft. Bei einer neueren Auswertung wurde berichtet, dass durch Spender gezeugte Personen etwas häufiger über ADHS, Abhängigkeitsprobleme, psychische Erkrankungen und Schwierigkeiten bei der Identitätsbildung berichten als Kontrollgruppen.
Bei Leihmutterschaftsverfahren wird eine Familienkonstellation mit Absicht so gestaltet, dass Herkunft und Bindungen zerrissen werden. Kinder werden zur Erfüllung eines Erwachsenenwunsches instrumentalisiert und haben Folgen zu tragen, die sie selbst nie gewählt haben. Forscher weisen darauf hin, dass die mittlerweile gut erforschten Lebensrisiken der durch künstliche Befruchtung entstandenen Kinder zur Folge haben sollten, dass dieses Verfahren nur in Ausnahmefällen zum Einsatz kommen sollte. Mit Leihmutterschaftsverfahren ist stattdessen eine weitere Anwendungskonstellation zur Regel geworden. Dabei sollte gelten: Wo Elternschaft von Anfang an durch Verträge, medizinische Verfahren und die geplante Trennung eines Kindes von der Frau, die es ausgetragen hat, organisiert wird, darf der Kinderwunsch Erwachsener nicht schwerer wiegen als das Recht des Kindes auf verlässliche Bindungen, Kenntnis seiner Herkunft und Schutz vor vermeidbaren Belastungen.






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