Moderne Elternlosigkeit
Moderne Elternlosgikeit heißt nicht, keine Eltern haben. Es heißt: Soviele Eltern haben, dass kein Elternteil mehr gewiss ist.
Eine der berühmtesten Erzählungen rund um ein elternloses Kind ist Antoine de Saint-Exupérys „Der Kleine Prinz“. Die Erzählung beginnt mit einer kindgemäßen Bitte: „Mal mir ein Schaf.“ Der so Angesprochene, ein in der Wüste abgestürzter Pilot, tut sein Bestes, der kleine Prinz aber ist nicht zufrieden – keiner der Versuche des Piloten stößt auf Zufriedenheit. „Sieh doch … das ist kein Schaf, es ist ein Widder. Er hat Hörner.“ Schließlich zeichnet der Erzähler eine Kiste, dazu reichen seine Fähigkeiten aus, und erklärt dem kleinen Prinzen: „Dein Schaf ist da drin.“ Und dieser stellt erfreut fest: „Es ist ganz so, wie ich es wollte.“ Statt darauf zu beharren, dass das krummbeinige Tier mit Hörnern selbstverständlich ein Schaf sei, und der kleine Prinz seine hochtrabenden, vorgefassten Vorstellungen davon, wie ein Schaf auszusehen habe, gefälligst der Wirklichkeit anzupassen habe, die der Pilot zeichnet, respektiert der Pilot die Wirklichkeit des kleinen Prinzen: Seine Schafe taugen nichts. Ab in die Kiste damit.
So sind Kinder. Sie lassen sich kein X für ein U vormachen. Das grüne Zeug auf dem Teller sieht verdächtig nach Spinat aus, auch wenn mir versichert wird, das sei ein Stoff, der magische Kräfte verleiht – Kinder beharren auf der Wahrheit, die sie beobachten, und aus der sie Gewissheiten ziehen.
Die erste Grundgewissheit eines Kindes ist: Dieses Wesen gehört ganz eng zu mir. Ich kenne seinen Geruch, seinen Geschmack, seine Stimme, seine Bewegungen, seinen Herzschlag, seinen Atem. Alle seine Sinne sagen ihm: Wir zwei sind eins. Da der Verstand des Kindes noch nicht ausgebildet ist, verlässt es sich auch nach der Geburt auf diese Sinne. Sie sagen ihm: Das Wesen, das jetzt nicht mehr stets um mich herum ist, aber dennoch auf mein Gebrüll hin angesprungen kommt – das gehört zu mir. Es riecht, klingt, schmeckt vertraut, es ist mein Wesen. Meine Mutter. So wie es die Stimme der Mutter nach der Geburt wiedererkennt, erkennt es auch die des Vaters. Seine beruhigende, tiefere Stimmlage ist ihm vertraut, ebenso wie der Effekt, den diese Stimme auf seine Mutter haben kann: ein verlangsamter, ruhigerer Herzschlag, eine ruhigere Atmung, Entspannung. Später wird es lernen, dass nicht nur diese Verbindung sein So-Sein prägt, sondern die genetische Grundlage: Ich habe Papas Augen, Mamas Haare, die musikalische Begabung des Großvaters. Ich habe Wurzeln. Wer Wurzeln hat, ist zukunftsfest.
Die moderne Reproduktionsmedizin geht davon aus, dass ein Kind auf diese Gewissheiten folgenlos verzichten kann. Ein durch Leihmutterschaft entstandenes Kind hat nicht die eine Mutter, den einen Vater, den es von Beginn seiner Existenz an kennt, sondern bis zu fünf Elternteile: Samenspender, Eizellspenderin, Leihmutter, Bestellmutter, Bestellvater. Mag sein, dass auch diese Bestelleltern das Baby füttern, windeln, trösten können. Den ersten tiefen, schmerzhaften Verlust, die erste verlorene Gewissheit haben sie ihrem Kind jedoch schon im allerersten Augenblick auf dieser Welt zugefügt.
Das alles ist längst aus den entsprechenden Forschungszweigen bekannt. Pränatale Psychologie, Adoptionsforschung, Entwicklungspsychologie – sie alle lehren uns, dass die kognitive, emotionale, soziale und motorische Entwicklung eines Kindes nicht erst mit der Geburt beginnt. Frühe und länger anhaltende Trennungen von leiblichen Eltern – besonders in den ersten Lebensjahren – gelten in der Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung als deutlicher Risikofaktor für die seelische und soziale Entwicklung von Kindern. Studien finden bei solchen Kindern auch Veränderungen in Hirnarealen für Stress und Angstverarbeitung (z.B. Amygdala, Hippocampus), verbunden mit Überwachsamkeit, erhöhter Stressempfindlichkeit und Schwierigkeiten, Nähe und Distanz zu regulieren.
Diejenigen, die diese Trennung zu verantworten haben, entscheiden sich häufig für ein Leben der Lüge. Viele durch Ei- und Samenzellspende oder durch Leihmutterschaft entstandene Kinder erfahren erst sehr viel später und durch Zufall wie sie wirklich entstanden sind. Das über die Jahre empfundene Gefühl, dass „etwas nicht stimmt“, wird mit einem Schlag zur Gewissheit: Etwas ganz Fundamentales stimmte nicht.
Was das Kind tief im Inneren wusste, die Eltern aber leugneten, tritt ans Licht: Ich bin nicht, der ich dachte, dass ich es bin. Meine Wurzeln kenne ich nicht. Wo sind sie? Oft beginnt eine verzweifelte Suche danach, die umso intensiver ausfällt, je konsequenter die Lüge war, die dem Kind aufgetischt wurde. Wenn diese Wurzeln aufgeteilt sind auf drei verschiedene Elternteile – Samenspender, Eizellspender, Leihmutter – wird die Suche danach zur Jagd nach dem verlorenen Schatz.
Wenn es schon schwer ist, ein Kind zu belügen, so wird dies beim eigenen Körper unmöglich. Mag sein, dass wir unserem Körper zu Verstehen geben, dass ein weiteres Glas Wein kein Problem ist. Dass die Vorwölbung über unserem Gürtel lediglich einem vorübergehenden Völlegefühl geschuldet ist. Dass morgens aufstehen auch schon irgendwie Bewegung ist. Der Körper glaubt uns nicht, und tut gut daran, es nicht zu tun. Vieles weiß unser Körper, lange bevor es unser Verstand erfasst hat – so auch die Tatsache, dass eine Schwangerschaft entstanden ist. Und lange bevor eine Frau auch nur versuchen kann, ihrem Körper mitzuteilen, wie er mit dieser Schwangerschaft umgehen sollte, hat er längst alles erforderliche in die Wege geleitet, um das Kind, auf dessen Wohlergehen er sich nun einstellt, zu versorgen. Bei einer normalen Schwangerschaft entwickelt sich eine enge Feinabstimmung, eine Kommunikation zwischen den drei Beteiligten: Das Kind signalisiert dem mütterlichen Körper: Ich bin da. Stell dich um. Ich brauche dich. Der mütterliche Köper meldet dem mütterlichen Verstand: Du bist nun zu zweit. Lass den Alkohol weg. Und sie wiederum lenkt ihre Gedanken in Liebe und Fürsorge auf das Kind, das in ihr wächst, und ihr eigenes ist, ein Teil von ihr bis ans Ende ihres Lebens.
Körper und Verstand, Leib und Geist bilden eine Einheit. In dieser Einheit ist das Kind von Anfang an ein eigenes leib‑geistiges Wesen – aber während der Schwangerschaft in einer einzigartigen „Zwei‑Einheit“ mit der Mutter, in einer harmonischen Koexistenz, die im wahrsten Sinn des Wortes für beide auf immer lebensverändernd ist. Darum ist eine normale Schwangerschaft, auch wenn sie zeitweise mühselig und beschwerlich ist, vom Grundwesen her doch eine Symphonie, die in einem fulminanten Schlussakkord endet.
Bei der sogenannten Leihmutterschaft stimmt nichts von alledem. Das Verfahren wirkt wie ein gigantischer Störsender, der die fehlerfreie Kommunikation unmöglich macht. Da ist zunächst das Kind, das aus einer gespendeten Ei- und Samenzelle besteht, und somit die doppelte Fremd-DNA aufweist. Der Körper der Frau, die mit diesem Kind schwanger ist, nimmt es als vollständigen Fremdkörper wahr und wehrt sich dagegen. Um diese Abwehrreaktion zu unterbinden, muss die Leihmutter in der Regel schon vor der Einsetzung des Embryos in ihre Gebärmutter Medikamente einnehmen, die den Körper auf diese Situation vorbereiten. Das Kind, das nun in dieser Gebärmutter heranwächst, bleibt nicht unberührt davon, dass der mütterliche Körper es als vollständigen Fremdkörper wahrnimmt – die Abstoßungsrate (sprich Fehlgeburtsrate) ist signifikant erhöht bei Leihmutterschaftsschwangerschaften. Statt den mütterlichen Organismus sanft anzustupsen und auf Erhalt der Schwangerschaft zu drängen, kämpft der Embryo um sein Überleben. Der Körper wiederum signalisiert dem Verstand der Leihmutter zwar ebenfalls: Du bist nun zu zweit. Das aber will und soll die Leihmutter gar nicht so verstehen. Sie ist nicht „zu zweit“, sie stellt lediglich ihren Körper einer weiteren Person als zweitweisen Aufenthaltsort zur Verfügung. Ihre Gedanken lenkt sie daher auch nicht in liebevoller Fürsorge auf das Kind, sondern verharrt in dem Wissen, dass dies kein Teil von ihr ist, sondern ein fremdes Wesen, das nur vorübergehend eingezogen ist. Liebe darf sie nicht zulassen. Auch das spürt das ungeborene Kind, dessen Kommunikationsversuche mit seiner vermeintlichen Mutter ins Leere laufen. Statt einer wohlklingenden Symphonie ist eine solche Schwangerschaft ein knisterndes, kratzendes Rauschen, und der Schlussakkord der Auftakt zu einer Tragödie.
Intuitiv wissen wir das alles. Nicht, weil wir es in schlauen Büchern nachgelesen hätten, oder kluge Wissenschaftler es uns detailreich erläutert hätten – obwohl dies alles sicher der Vertiefung unserer Erkenntnis dienen würde. Wir wissen es, weil es Menschheitswissen ist. Weil wir es sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen haben: Ein Kind schreit nach seiner Mama. Die Mama ist die Frau, die es geboren hat, oder aber wenigstens großzieht. Eine Leihmutter ist nichts von beidem: Sie ist vor allem die Frau, die es gebären soll, und die es auf gar keinen Fall großziehen wird. Sie ist keine Mutter, sie ist eine Frau, die eine körperliche Dienstleistung gegen Geld auf Zeit anbietet. Für das Kind einer Leihmutter gibt es keine Mama, so wie Menschen sie seit Jahrtausenden kennen. Wir fügen diesen Kindern Unrecht zu, und wir fügen den Frauen, die sie gegen Geld austragen, ebenso großes Unrecht zu. Auch das wissen wir intuitiv. Wir sollen es bloß nicht wahrhaben. Wir sollen das gehörnte, krummbeinige Wesen wider besseres Wissen für ein Schaf halten.
Wie kann das funktionieren? Die Antwort liegt auf zwei Ebenen. Es ist zum einen möglich auf Grund eines veränderten Denkens, das neben der Leihmutterschaft etliche andere Phänomene ermöglicht. Es sei nur an die merkwürdige Formulierung erinnert, mit der die vorgeburtliche Kindstötung gerechtfertigt wird: mein Körper, meine Entscheidung. Diesem Denken liegt eine andere Vorstellung der Beziehung zu unserem Körper zu Grunde. Statt von einer Einheit von Leib und Seele, Geist und Verstand auszugehen, denken wir uns einen Körper, der von unserem Verstand klar getrennt ist. Ich bin nicht mein Körper, sondern ich habe ihn und kann nach Gutdünken darüber verfügen. Mein Körper wird zum Befehlsempfänger meines Verstandes, nach eigenem Ermessen formbar, verfügbar, manipulierbar und letztendlich auch vernichtbar. So wird auch die Zwei-Einheit aus Mutter und Kind während der Schwangerschaft aufgespalten: Hier die Frau, die das Kind ihr eigenes nennt, es aber nicht bei sich trägt, dort die Frau, die es zwar unter dem Herzen trägt, aber keinerlei Beziehung zu ihm haben darf. Nur wer glaubt, er könne seinem Körper Befehle erteilen wie einem externen Dienstleister, kann sich vorgaukeln dass eine solche Aufspaltung folgenlos bleibt. Die erste Folge ist der Verlust der Gewissheit. Wer kann bei Leihmutterschaft noch sagen, was früher sicher galt: „Mater semper certa est“ – es ist immer sicher, wer die Mutter ist?
Die zweite Ebene betrifft unsere Sprache, die vom Denken geformt wird und das Denken formt. Wer vom Selbstmord spricht, drückt damit sein Denken aus: Es ist die Ermordung deiner selbst, die du planst. Der Gedanke schreckt uns ab, wir denken mit Schaudern daran. Wer von assistiertem Suizid spricht, verschleiert die Tat und betont die Hilfe. Die Tat verliert ihren Schrecken in unserem Denken und gewinnt an Akzeptanz. Wie gut das funktioniert, wusste schon Konfuzius und warnte daher davor: „Wenn die Sprache nicht stimmt, ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist. Ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist, dann gelingen die Werke nicht. Gedeihen die Werke nicht, so geraten Sitten und Ordnung in Verfall. Darum achte man darauf, dass die Worte stimmen,“ so der chinesische Gelehrte, der vor mehr als 2500 Jahren lebte.
„Leihmutter“ ist ein Wort, das nicht stimmt. Es meint keine Mutter, es meint keinen Leihvorgang. Das Werk, das es bezeichnet, kann nicht gedeihen. Die Grundordnung unserer Gesellschaft – basierend auf der Keimzelle von Vater, Mutter und Kind – gerät in Verfall. Achten wir daher darauf, dass wir Leihmutterschaft klar als das benennen, was sie in Wirklichkeit ist: Sklaverei und Menschenhandel.
Und setzen wir für die Zukunft auf ein weiteres Wort von Konfuzius: Drei Dinge können nicht lange verborgen bleiben – Die Sonne, der Mond und die Wirklichkeit.







