Vorsicht, Verschwörungstheorie
LebensForum 155 (III/ 2025)
Von Cornelia Kaminski
Er wird von den öffentlich-rechtlichen Medien gern als Experte zitiert, wenn es um Initiativen und Aktionen der europäischen Lebensrechtsbewegung geht: Neil Datta vom European Parliamentary Forum for Sexual and Reproductive Rights (EPF). Was vom Namen her klingt wie eine offizielle Institution der Europäischen Union, ist tatsächlich eine Lobbyorganisation. Ein Großteil der relevanten Partnerorganisationen des EPF unterstützt uneingeschränkt die weltweite Liberalisierung und Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen – genannt seien hier nur die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung, International Planned Parenthood, die Open Society Foundation sowie die Bill & Melinda Gates Stiftung.
Sowohl im ZDF-Beitrag „Auf der Spur“ vom Februar 2024 als auch im MONITOR-Beitrag „Gotteskrieger: AfD und radikale Christen“ (August 2025) trat Datta als Kronzeuge auf. In beiden wird die ALfA als Teil einer radikal-fundamentalistischen Lobby dargestellt. Auch im Ende Juni veröffentlichten Bericht Dattas „The Next Wave: How Religious Extremism Is Regaining Power“ wird die ALfA erwähnt. Grund genug also, sich mit ihm und diesem Bericht näher zu beschäftigen.
In „The Next Wave“ zeichnen Datta und sein Team ein düsteres Bild von Lebensrechtsorganisationen und christlichen Initiativen in Europa: Sie werfen „extremistischen Abtreibungsgegnern“ und „fundamentalistischen Christen“ vor, ein koordiniertes, transnationales Netzwerk aufgebaut zu haben. 275 Organisationen in 28 Ländern hätten zwischen 2019 und 2023 rund 1,18 Milliarden US-Dollar investiert, um gezielt gegen „sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung sowie die Rechte von LGBTQ-Personen“ vorzugehen. Die katholische Kirche und religiöse NGOs (sog. „ChONGOs“) agierten laut Datta als zentrale Akteure und nutzen verdeckte Einflusskanäle bis in die EU und nationale Regierungen. Ziel sei die Abschaffung von Abtreibung, Homo-Ehe, Verhütung und Scheidung, oft mit politischem Druck und finanzieller Macht: „Hinter dieser Bewegung steht Geld – großzügig, strategisch platziert und weitgehend verborgen. Eine aufstrebende oligarchische Klasse, bestehend aus Tech-Baronen, Industrie-Eliten und Aristokraten mit altem Geld, finanziert ein umfangreiches Projekt der sozialen Manipulation“, so der Präsident des EPF, Guillaume Gouffier Valente, französischer Parlamentarier (vormals der Sozialisten, jetzt für La République en Marche) in seinem Vorwort. Ein Schelm, wer dabei an die Partnerorganisationen von EPF denkt und gewisse Parallelen erkennt: Ist nicht Bill Gates ein Tech-Baron, die Hewlett-Foundation eine Gründung der Industrie-Elite und George Sorosʼ Open Society Foundation eigens mit dem Ziel gegründet worden, weltweit die Gesellschaften zu transformieren?
Oligarchen und internationale, mächtige Netzwerke aber stehen laut EPF nur denen zu, die die Gesellschaft auf links drehen möchten – nicht aber denen, die sich daran stören. Über die raunt der Präsident des EPF: „Ihre Methoden sind subtil und ebenso verheerend: Sie tarnen eine religiös-extremistische Agenda als säkularisierte, bereinigte Sprache der Tradition, Familie und Ordnung – und machen sie so für die Mainstream-Politik schmackhaft, während sie ihre reaktionären Kernziele beibehalten.“ Wer also über „Familie und Ordnung“ spricht und beides für Grundpfeiler unserer Gesellschaft hält, der steht schon im Verdacht, ein religiöser Extremist zu sein. Damit dürfte man die absolute Mehrheit der Menschen in Europa gegen sich aufbringen – und so erklärt sich auch die Panik, die im Vorwort anklingt: „Die Stärke dieser Bewegung liegt in ihrer Fähigkeit, Koalitionen und unterstützende Netzwerke zu bilden. In ganz Europa entsteht eine parallele Infrastruktur der Kontrolle: Von der Kirche organisierte Nichtregierungsorganisationen, die sich als Zivilgesellschaft tarnen, Anti-Gender- „Dienste“, die als Fürsorge dargestellt werden, rechtsextreme Thinktanks, die sich als Forschungsinstitute ausgeben. (…) Die nächste Welle ist eine organisierte Konterrevolution, die sich in ganz Europa ausbreitet. Während sie sich als Rückkehr zu traditionellen Werten einer imaginären Vergangenheit präsentiert, die es nie gegeben hat, ist sie in Wirklichkeit eine Eroberung der Zukunft.“
Wer angesichts solcher Behauptungen an abstruse Verschwörungstheorien denkt, liegt nicht ganz daneben – auch nicht, wer in diesen Zeilen antichristliche Kulturkampfparolen marxscher Prägung erkennt.
Schon allein deshalb sind Zweifel an der Objektivität des Berichts angebracht. Aber auch, weil Datta den Nachweis schuldig bleibt, welcher Mäzen welche Projekte und europäischen Initiativen konkret mit diesem Geld finanziert, und als „Belege“ auch längst inaktive Webseiten zitiert. Hinzu kommt, dass seine Biografie sowie die Hintergründe zu dem Institut, das er vertritt, diese Objektivität deutlich in Frage stellen lassen. Das EPF ist ein unabhängiges Netzwerk von Mitgliedern verschiedener Parlamente in Europa, die sich „für die Wahrung und Förderung sexueller und reproduktiver Gesundheitsrechte (SRHR)“ einsetzen. Dass damit ein Recht auf Abtreibung gemeint ist, ist hinlänglich bekannt. Das EPF wurde im Jahr 2000 in Brüssel gegründet – mit Unterstützung der International Planned Parenthood Federation (IPPF). Neil Datta war zuvor bereits für die IPPF tätig, die neben Marie Stopes International die weltweit größte Abtreibungsorganisation ist und in Deutschland unter dem Namen „Pro Familia“ die Agenda der Abtreibungslobby betreibt. Wer also von „The Next Wave“ Objektivität erwartet, ist schon ziemlich naiv.
Es wundert daher nicht weiter, dass in Dattas Bericht auch die ALfA kritische Erwähnung findet. Wer für das Recht auf Leben aller Menschen und ihre unantastbare Würde eintritt, ist der Abtreibungslobby ein Dorn im Auge, den es möglichst zu eliminieren gilt. Und da sind alle Mittel recht – auch die Diffamierung. Dass Datta zahlreiche Organisationen als gefährliche Vorboten des religiösen Extremismus brandmarkt, weil sie Frauen im Schwangerschaftskonflikt tatkräftig zur Seite stehen, wirft ein Schlaglicht auf den menschenverachtenden Geist, den der gesamte Bericht atmet.
Wer im Bericht nach Kommentaren, Aussagen oder Interviews mit den so Gescholtenen sucht, wird nicht fündig werden. Eine Auseinandersetzung mit ihren Motiven und Argumenten findet ebenfalls nicht statt – stattdessen werden alle, die sich für christliche Werte einsetzen, unter dem Begriff „Anti-Gender-Bewegung“ zusammengefasst. Die Logik: Wer sich für das Lebensrecht Ungeborener einsetzt, ist selbstverständlich homophob, queer- und fortschrittsfeindlich.
Neil Dattas Bericht verfehlt das Ziel einer sachlichen und differenzierten Analyse. Stattdessen betreibt er Stimmungsmache gegen christliche Bewegungen und Lebensrechtsgruppen, unterschlägt die Bedeutung christlicher Werte für unsere Gesellschaft und bleibt inhaltlich wie methodisch weit hinter den Ansprüchen an eine seriöse Recherche zurück. Was bleibt, ist der Eindruck, dass sich angesichts der Effektivität, mit der Lebensrechtler auch in Deutschland ganz ohne staatliche Subventionen und Zuwendungen reicher Oligarchen für das Lebensrecht aller Menschen eintreten, in den Reihen der Abtreibungsfreunde Panik ausbreitet.







